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Der Moment - Widukind-Stiftung

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"Die Kreativität gönnender Begegnung"
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Der Moment













Dieses Buch ist geboren
aus einem Blick,
einem Lachen,
einer Freude,
die nie endete -
und alles leichter machte.





Widukind Pesch 26.3.2002 - 29.9.2022




Grußwort

"Der Moment" ist die Gründungsschrift des Widukind-Verlags -
einer Initiative der Widukind-Stiftung.

Es vereint drei ineinandergewobene Ebenen. Den Kern bilden
die grünen, durchnummerierten Kapitel, die zuerst entstanden.

Erweitert wurden sie durch die nussfarbenen Passagen mit realen
Erfahrungen und thematischen Erweiterungen.

Kurz vor Abschluss kam überraschend noch etwas Drittes hinzu:
In zwölf blauen Absätzen – Widukinds Persönlichkeit.

Das Buch lässt sich nicht zusammenfassen. Es ist weniger ein
fertiges Ergebnis, als vielmehr ein Anfang. Nichts, mit dem man
etwas erreicht, sondern etwas, das einlädt zu Wahrnehmung.

Vielleicht beginnt es dort, wo man aufhört, es einzuordnen.





1
Der schöne Stein

Ein Stein in deiner Hand.

Farben.
Linien.
Gewicht.
Wärme.

Für einen Moment ist er da.
Und du auch.

Ein Gedanke zieht vorbei:
Gewöhnlicher Quarz. Nicht wertvoll.“

Etwas schrumpft.

Der Stein liegt noch in der Hand.
Aber er ist anders.

Er fällt.
Die Hände reiben sich sauber.




Fühlig

Nach Widukinds erster Operation.

Lippenspalte geschlossen.
Ein süßer Duft an seinem Bett.

Auf dem Arm.
Leichtigkeit.
Große Augen.

Der Mund – hochempfindlich.

Trotzdem
nähert er sich damit
langsam
der Wange dessen,
der ihn hält.

Und fühlt:
Warm?




2
Entwicklung

Entwicklung. Fortschritt.

Worte, überall.
Gedacht. Benutzt.

Fortschritt heißt:
Den Standpunkt verlassen.

Entwicklung meint oft:
Aufrüsten, Draufpacken.

Es sagt aber: "Ent-Wickeln."
Abwickeln.
Schicht um Schicht fallen lassen.

Aber was zurücklassen?
Was erreichen?

Bist du bereit, es nicht zu verstehen?




Meisterschaft

„Meister,
ich will ewig
die kosmische Leiter
erklimmen.“

„Das ist tapfer.
Aber ent-falte dich.
Und dann flieg.“





3
Alter Drill

Die Anderen.

Wieder versteht jemand mehr.
Kann jemand mehr.
Ist jemand mehr.
Hat jemand mehr.

Das Ziehen im Inneren –
ist es Antrieb?

Oder eine alte,
gelernte,
gegen sich selbst gerichtete
Härte?

Besser werden.

Veiviel Wert hat dein Heute?

Wie viel Raum dein Jetzt?




Tanz

Widukind, 4 Jahre,
spielt im Garten.

Lachen.
Blonde Haare im Wind.
Läuft.

Kein Patschen.
Kein Stampfen.

Gleiten.
Als hielten ihn Wesen unter den Armen.




Copilot

Widukind, 5 Jahre.
Die erste Fahrt zur neuen Kinderfreizeit-Gruppe.

Wiki auf dem Beifahrersitz.
20 Minuten den Blick auf die Landschaft gerichtet.

Drei Wochen später – wieder.
Eben noch vorher zum Baumarkt.
Das Auto drosselt, der Blinker tickt.

Papa, da geht es nicht zur Gruppe“.




4
Wie es begann

Richtige Antworten.
Gute Antworten.

Falsche Antworten.
Schlechte Antworten.

Ein Nicken hier.
Ein Stirnrunzeln dort.

Irgendwann hast du begonnen,
dich selbst so anzusehen.





"Na, kleines. Was möchtest du denn mal werden?"
"Wieso? Ich bin doch schon."




Jaaa!

Rosa Rabbit im Erlebnishotel.
Fototermin mit Geburtstagskindern.

Aus der Zuschauermenge tretend:
„Ich will, dass Rosa Rabbit
jetzt endlich auch zu mir kommt!“

Eine Mutter eilt verstört hinterher,
um es wieder einzuordnen:

„Nein, Tommi.“

Die Betreuerin sofort:
„Jaaa!
Du freust dich auch auf den Rabbit,
nicht wahr Tommi?

Komm, hilf mir fotografieren,
dass alle im Bild sind.
Dann kommt er bald.“




Das Diktat

Ein Blatt voller roter Striche,
Pfeile, Kommentare.
Ungenügend.

In der Küche:
„Komm, Franziska,
das ist doch nocht so schlimm.
Sollen wir die Berichtigung zusammen machen?“

Franziska zuckt weg.
Tränen.

Tante Ute kommt herein.
Sieht.
Nimmt das Blatt.

„Franziska !!! –

Hast du eine schöne Schrift!“









5
Heute

Erklären. Ordnen. Festhalten.
Versuchen, alles zu verstehen.

Dem Einfachen zu trauen –
dem Moment, der einfach da ist –
nicht gelernt.

Bringt Kontrolle wirklich Klarheit?

Oder ist sie Sorge,
Vorsprung oder Wert zu verlieren?

Auf jeden Fall kann sie beschäftigen.




Logik

Eine aus Angst geborene Logik
ist nicht Wahrheit.







Überwinden

„Matthias! Mensch, das geht so nicht!
Das musst du noch überwinden.
Weißt du überhaupt, was das heißt – Überwinden?“

Matthias, 7 Jahre:
„Ja, Papa.
Wenn man etwas weglernt.“




6
Weitergehen

Du willst etwas tun? Verbessern? Verändern?

Mach es.
Oder bleib.

Für einen Moment.
Lass alles, wie es ist.

Die Hände entspannen.

Gedanken:
Komm schon.“
Weiter.“

Du folgst nicht.

Diesmal bleibst du.
Einfach da.




7
Invasion der Gedanken

Ein Gedanke.
Noch einer.

Es wird voll.

Es spricht –
ohne gefragt zu sein.

Die Stimme will.
Bilder gestalten Szenen.

Mitspielen?

Oder sitzen bleiben?

Durchatmen.

Option:
Heute kein Theater.
Heute Ruhetag.




8
Der blinde Fleck

Erleben geschieht
hier und jetzt –
im Mittendrinsein.

Die Stimme will
darüber nach-denken.

Das Ursprüngliche bleibt –
wie es ist.
Aber es wird überlegt.

Keine Katastrophe.

Nur ein feiner Abstand
zwischen dir und dem Moment.




9
Scheint Richtig

Die Luft ist mild.
Vögel sind zu hören.
Der Boden gibt sanft nach.

Du könntest schneller gehen.“
Den Weg kennst du schon.“
Du hattest noch so viel vor.“

Scheint richtig.




10
Sonnenuntergang

Du schaust in den Himmel.
Farben. Licht. Weite.
Schön. Aber nicht der Beste.“




Ein Blick

Rote Ampel.

Crom.
Weißes Leder.
Leise Musik.

Ein Blick nach draußen.
Super Wetter.
Schaufenster.

Davor
ein Mensch
auf Zeitungspapier.
Nickend:

„Genieß es, Bro –
im nächsten Leben tauschen wir wieder.“

Und plötzlich
verrutscht alles.




11
Aber

Gedanken – was alles war.
Wer schuld hatte.

Gedanken – was gleich sein soll.

Bewusst leben.

Manchmal fühlt es sich an wie
5% Erleben,
95% Analyse.

„Aber dafür weiß ich mehr.“

Dieses „Aber“ –
ein Gewinn?

Oder Verlust mit Applaus ?




Die Diskussion

1 Uhr nachts.

Marcus und Christoph beenden endlich
ihre wissenschaftliche Debatte.

Kein Sieger.
Kein Verlierer.
Nur die Müdigkeit, die langsam beide einholt.

Sie trinken noch einen Schluck Tee.
Draußen ist alles still.
Jetzt ist die Welt wieder nur ein Atemzug weit.

Morgens, 9 Uhr, am Frühstückstisch.
Widukind, ruhig:

Papa, die Diskussion gestern
hättest du dir komplett sparen können.
Der Mensch ist nicht zum Denken gemacht.“

Und beugt sich über den Toast.

Weiter nichts.




12
Stille erkennen

Was ist eigentlich diese Stimme?

Sie spult Gelerntes ab.
Kommentiert.
Kommandiert.

Du folgst.

Und du selbst?

bist –
Raum.

Stille.

Aber nicht leer ohne sie.

Und nicht dumm.




13
Alles richtig

Einatmen. Ausatmen.

Die Gedanken sind noch da.
Die Stimme auch.

Einfach mal gar nichts machen.

Alles richtig –
jetzt nicht wichtig.

Was wäre gewesen,
wenn manches andersherum gelaufen wäre?

Erst fühlen –
dann erkennen, dass sein darf.

Nähe statt Abstand.

Sicherheit –
weil nichts verteidigt werden musste.




14
Nullsumme

Die Stimme rechnet im Nullsummenspiel:
Wenn du gewinnst, verliere ich.“

Sie steht oben.
Schafft Ränge
und zerlegt –
dich.

Für jede deiner Eigenschaften ein Begriff.
Deine Gefühle – in Fächer sortiert.

Als wäre sie ein neutrales Werkzeug.

Vielleicht ist sie nur
eine Weise,
in der Welt zu sein.




15
Das Dazwischen

Es ermüdet.
Nicht das Leben.

Das Dazwischen.

Wickelt alles in Skizzen ein. Einbildung.
Stellt Analyselisten davor. Vorstellung.

Viel Bildung.
Wieviel Sein?

In Gedanken immer unterwegs.
Schneller werden. Zeit nutzen.

Aber nachdenken.

Und wann Sein?




Volldampfschnecke




Haltung

Strategie. Kreativität.

Beide unterwegs
auf dem Ozean des Lebens.

Die eine rudert. Die andere surft.









16
Wohin

Wo willst du ankommen?
Wo müsstest du längst sein?

Du bist doch schon hier.

Und wenn jetzt wegfällt,
was du über dich denkst –

was bleibt?

Vielleicht das,
was du bist.








17
Es darf

Angenommen,

alle Bewertungen,
Projektionen,
Einbildungen

über dich selbst –
über andere –

darfst du wieder zurücknehmen.

Und die anderer über dich –
still zurückgeben.

Ausgedient. In Frieden entlassen.

Sie fließen ab.
Nichts bleibt hängen.

Du bist.

Die anderen sind.

Und das darf.

Und das reicht.




Perfekt unperfekt

Perfektion -
der Hut der Mittelmäßigkeit.
____

Der perfekte Baum.

Für den Holzhändler ist er lang,
gerade, astfrei, schnell erntereif.

Für den Obstbauern trägt er
viele normgerechte Früchte
für Discount-Regale.

Und irgendwo steht ein anderer Baum.

Krumm. Verästelt. Eigen.

Trägt keine essbaren Früchte.

Trägt Kinder.

Und die Kinder
speichern seinen Duft
und die Wärme seiner korkigen Rinde,
und das Rauschen seiner Blätter
in ihren kleinen Seelen.

Als wäre es der Herzschlag der Erde.

Und hoffentlich ist er immer noch da,
wenn ein Kind ihn als Greis
noch einmal besucht –

um sich wieder in dessen hohles
mitfühlendes Herz zu schmiegen –

und sich in dieser Welt noch einmal
unendlich geborgen und vollkommen sicher

zu fühlen.







18
Manchmal

Manchmal ist es eng. Dunkel.
Kennt vielleicht jeder.

Manchmal leicht. Hell.
Kennen viele.

Ist das der Verstand?

Oder geht es nur um
Angst oder Vertrauen?




Schade

Papa schimpft.
Das Zimmer leert sich.
Andreas, 12, bleibt.

Papa: „Ist doch wahr!“

Andreas:
„Schade. Es könnte alles so schön sein.“




19
Radikalität

Die Angst,
Fehler zu machen,
sitzt.

Wie wäre anstatt:
„Wie vermeide ich das Falsche?
Wie radikal lehn ich es ab?“,

von nun an:
Wie unverhandelbar bin ich
im Wahrnehmen dessen,
was ist?“


Die Milch bleibt vermutlich frisch
nicht durch die Angst vor dem sauren Tropfen,

sondern, weil sie nicht kippt.




Ungelehrt

Hinter einem außergewöhnlichen Werk
steht ein gewöhnlicher Mensch,
der tat, was ihm gefiel.

Ungelehrt. Unbekümmert.

Die Erwartung wundert sich:
Außergewöhnliches entsteht nicht
aus Besonderheit ?

Sondern aus Unverstelltem.
Ohne Selbstüberwachung.

Ein Kreis nennt ihn spielerisch „Meister.“
Ein Titel ohne Anspruch.

Er weiß, was wesentlich ist.
Und was er nicht weiß,
das fühlt er.

Seine Erkenntnis endet nicht am Rand des Wissens –
sie geht dort in Wahrnehmung über.




20
Pommes

„Sollen wir dann nicht mehr denken?“

Schau selbst.

Du stehst heute mal im Imbisswagen.

Die Fritteuse zischt.
Warme Luft.
Die Sonne auf auf dem Asphalt.

„Pommes.“
„Gerne.“

Du greifst. Du schaust. Du wartest.

„Mit Mayo?“
„Ja. Doppelt.“

Ein Lächeln.

„Pommes, Currywurst spezial.“
„Scharf?“
„Heute nicht.“

Die Fritteuse zischt.
Du spürst es genauer.
Bewegungen.
Stimmen.
Rhythmus.

Nichts ist daneben.

Ein Spruch. Lachen.
Du lachst mit.

Geruch von Öl.
Frische Pommes.
Gewürze.

Hände arbeiten.
Blicke begegnen sich.

Kein Danach.
Kein Davor.

Nur:
Wünsche erfüllen.

Am Abend schließt du.

Der Geruch bleibt.
Der Tag auch.

Ein paar Worte tauchen auf.
Du schmunzelst.

Mehr war nicht.

Und es ist genug.




Frühstück

Du sitzt am Tisch.

Der Tee ist warm in deinen Händen.
Du riechst. Du schmeckst.

Kein Plan.
Kein „gleich noch“.

Nur dieser Bissen.
Dieser Schluck.

Nur dieser Moment.




Spazierengehen.

Du gehst.

Ohne Ziel.

Wind im Gesicht.
Schritte auf dem Boden.

Wolken ziehen vorbei.
Gedanken ziehen mit.

Du gehst weiter.

Du brauchst keine Richtung,
um anzukommen.





Beim Schuhebinden.




21
Etwas

Einfach sitzen.

Licht fällt durch das Fenster.
Ein Geräusch irgendwo.

Der Atem geht.
Ein.
Aus.

Die Stimme – noch da –
aber weiter weg.

Und dann rutscht es.

Leise.

Als hättest du es die ganze Zeit getragen
und merkst erst jetzt,

dass du es nicht mehr brauchst.




22
Nichts erreicht

Es wird weiter.

Der Druck löst sich.
Der Vergleich auch.

Stille.

Nicht leer –
ruhig.

Du hast nichts erreicht.

Es ist nur weniger dazwischen.









23
Wann?

Du musst nichts werden.

Auch wenn es fragt:
„Wann endlich?“

Jetzt.




24
Die Lehmhütte

„Und jetzt? Zurück in die Lehmhütte?“

Komm hinein.

Nicht aus Mangel.
Nicht aus Flucht.
Einfach so.

Geruch von
Erde,
Holz,
Fell.

Setz dich.

Kein Plan.
Kein Ziel.

Tritt hinaus:

Morgenluft.
Feiner Sand.
Wind auf der Haut.

Die aufgehende Sonne -
wärmt bereits.

Eine Kinderhand
nimmt dich mit

zum Fluss,
zu den anderen.

Und vielleicht merkst du:

So
war es immer gemeint.




Bergplateau

Ein offenes Plateau.

Licht.
Weite.

Kein Oben.
Kein Unten.

Gleichmut.

Leben fließt.

Ohne Forderung.

Nehmen.

Geben.

Ohne zu besitzen.




25
Gegenwart

Gegen Warten.

Weil nichts fehlt.

In der Lehmhütte.

Im Imbiss.

Jetzt.









26
Getragen

Etwas wird leichter.

Nicht weil du mehr kannst.
Nicht weil du mehr weißt.

Einfach so.

Etwas fließt.
Oder trägt es?

Es tut gut,
nicht mehr dagegen zu arbeiten.

Alles,
was drängt,

kann vorbei.

Ankommen darf bleiben.




Begegnung

Du begegnest jemandem.

Kein Eindruck.
Kein Vergleich.

Ein Blick.
Ein Nicken.

Vielleicht ein Lächeln.

Und plötzlich ist da Ruhe
zwischen zwei Menschen.




Kinder

erklären nicht.
Sie lachen. Sie rennen. Sie fallen.
Und ? - stehen wieder auf.

Ohne sich zu fragen,
ob es falsch
war.




27. Manche Menschen

Diese Menschen, die nur da sind.

Sie hören. Sie spüren.
Ohne viel zu sagen.

Bei ihnen wirst du ruhiger.

Vielleicht, weil sie nichts

zwischen dich und den Moment stellen.




Nicht so schlimm.

„Na, jetzt komm.
Das ist doch nicht schlimm.“

Not ist nicht messbar.
Es gibt keine Rangliste für Leid.

Ein Herz ist überfordert –
und braucht jetzt Nähe.









28
Eine andere Weise

Wind.
Sonne.
Dein Atem.
Den Boden unter den Füßen.

Gedanken – die immer wissen, was fehlt.

Ein Moment – der gibt, was da ist.

Weniger Festhalten.
Ordnen.
Wollen.

Mehr da sein.

Keine bessere Methode.
Kein weiteres Fach.

Nur eine andere Weise,
in der Welt zu sein.




29
Wahrnehmung

Ohne Einordnung –
wirkt (auch) stimmig.

Nicht weil du es jetzt verstehst –

sondern, weil nichts dazwischen ist.

Ein Wort kehrt vorsichtig wieder:
Vertrauen.

Nicht als Bedingung.
Nicht als Entscheidung.

Als Erinnerung.
Etwas,
das immer da war.








Das letzte Buch

Mitte September 22.

Im Bett sitzend.
Geschlossene Augen.
Ein Buch auf dem Schoß:
Leben und Lehren der Meister
aus dem fernen Osten – von Bird Spalding.

Etwa 20 Seiten übrig.

Am nächsten Mittag – das gleiche.
Immer noch zehn Seiten.

Widukind, du hast das Buch bald.
Aber wenn du so viel schläfst,
wirst du nicht fertig.“

Worte. Lose gesprochen –
nur weil Gedanken kamen.

Und dort sitzt jemand,
der Schmerzen kennt.

Ohne Schmerzmittel.

Sensibel,
aber nicht empfindlich.

Verletzbar,
aber nicht brechbar.

Jemand, der eine Entscheidung traf.
Verantwortung trägt.

Zufrieden.
Immer freundlich.
Mit einer Ernsthaftigkeit,
die vielleicht nur im Nährboden
von 20 Jahren verspielter Leichtigkeit
reifen konnte.

Reglos, die Augen weiterhin geschlossen:

Papa, ich schlaf nicht.
Ich lese einen Absatz,
und dann verinnerliche ich ihn.

Und wenn ich ihn nicht mitleben kann,
dann lese ich ihn wieder –

oder dreimal.“




30
Kein neuer Sieg

Mach daraus kein Ziel.
Kein neues Projekt.
Keinen nächsten Schritt.

Es geht nicht um Leistung.
Du lernst nichts dazu.

Du hörst nur auf,
wegzugehen.




Benny

Eine Betreuerin zur Kindergruppe:
„So, und jetzt überlegt bitte jeder,
was er heute Schönes erlebt hat.“

„Das Eisessen.“
„Das gewonnene Fußballspiel.“
„Der tolle Film.“
„Eine gute Schulnote."

Als letzter Benny –
der einfachste von allen,
den man nicht treiben kann.

Er hat noch die Augen geschlossen –

holt tief Luft,
schaut auf:

„Danke,
für mein wunderschönes Leben!“




31
Agieren

Mal nicht reagieren.

Keine Kommentare geben.

Mal agieren –

Ruhe geben.

Und sehen, was bleibt -

oder kommt.








Warten

Der Saal ist still.

Die Bühne leer.
Alles wartet.

Die Ruhe summt
wie ein unsichtbarer Chor.

Noch nichts ist geschehen –

doch alles ist da.




32
Raum

Stille ist kein Mangel.

Stille ist Raum.

Sie erklärt nichts.

Sie klärt.

Verbindet.

Nicht weniger.

Ganz.








33
Einfach

Lässt sich Leben überhaupt aufteilen?

In Kategorien?
In Ränge.

Wo sind die Fächer?

Leben ist doch Ein-Fach.

Und entzieht sich,
wenn es zerlegt wird?

Es braucht keine Erklärung.

Du hast es gesehen.




Der Gipfel der Einfachheit

Du sitzt.
Du gehst.
Du siehst.

Nichts fehlt.

Kein Ziel.
Kein Warum.
Keine Verbesserung.

Alles ist da.

Du bist da.




Idol

Grundschule erste Klasse.

„So, Kinder, wer ist denn euer Idol?
Ihr habt doch bestimmt alle ein Vorbild.“

Einige Kinder zählen Sportler, Schauspieler,
Sänger, Fantasyfiguren auf.

Viola:
„Was ist denn ein Vorbild?“

„Na, wie oder wer du gerne sein möchtest.“

„Ich.“

„Wie – du?“

„Ja, ich möchte ich selber sein.“




Das Foto

Ende September 2022.

Komm, Widukind, wir machen ein Foto von dir.
- So.
Oh!
Schau mal, das könntest du gut
als Statusbild nehmen.“

Nein, Papa,
dann werden meine Freunde neidisch.“

Wieso das?“

Weil ich so einfach bin.“




Widukind Pesch
Letzte FotografieEnde September 2022.




34
Vertrauen

Wieder beim Spaziergang.

Die Stimme war immer maßgeblich.

Nicht, weil sie immer recht hatte –
weil sie immer da war.

Jetzt ein Schritt.
Und noch einer.

Die Vögel sind noch da.
Der Duft auch.

Du hast nicht versagt.
Du warst nur beschäftigt.

Die Augen melden sich:
„Vertrau uns.“

Etwas hakt ein:
Ja, genau, vertrau deinen Augen, dass sie es sehen,
wenn ein Stein oder Loch auf dem Weg ist.
Dazu hast du sie ja schließlich.“

Atmen.
– ‚Vertrauen‘ – ?
„Ja“ schenken?

Was wünschen denn die Augen?

„Alles zu grüßen.“
– „Ja. Bitte.“

Und sie schauen umher.
Und sie lachen.

Und da lachen auch die Füße -
gehen einfach weiter -
massieren den Boden -
und sich.

Da war ein Stein. Und da ein Loch.

Und die Augen
trinken Weite.








35
Der schöne Stein 2

Nach Minuten:

Die Augen senken sich.

Ein Stein.
Der schöne Stein.

Du hebst ihn nocheinmal auf
und nimmst ihn wieder in die Hand.

Einmalig.
Kostbar.

Wie dieser Moment.




Haushalt

Wasser über den Händen.

Eine Tasse.
Ein Teller.

Bewegung.
Rhythmus.

Nichts Besonderes.

Und deshalb vollständig.









36
Der Punkt

Die Sonne steht über dem Wald.

Licht fällt durch deine Augen.
Fließt ein.

Dein Körper füllt sich.

Du erklärst es nicht.
Du lässt es da sein.

Die Stimme spricht.

Du hörst sie.
Und bleibst.

Kein Kampf.
Kein Sieg.
Kein Triumph.

Du gehst ...

Ein Kind rennt vorbei.

Die Freude -
roh,
echt.

Nicht optimal …“

Optimalität war nie der Punkt.
Leben schon.









Schlabberbaby

“Swantje, jetzt pass doch bitte auf, du kleckerst!
Bist du jetzt wieder ein Schlabberbaby
und brauchst ein Lätzchen, oder was?“

Swantje, 11 Jahre:
„ Papa,
du fühlst dich doch gar nicht wohl,
wenn du so sprichst.“









37
Lächeln

Ein Lächeln entsteht.

Leicht.
Dann tiefer.

Ein Sehen:
Das große Wissen -
hat dich klein gehalten.

Und du weinst,
weil es da war –
das Einfach.

Und vielleicht hörst du auf,
dir Vorwürfe zu machen.

Und lachst wieder.




38
Eingekauft

Manche sagen:
„Nicht was, sondern wie wir essen.“

Eingekauft.
Einkaufswagen voll.

Einräumen.
Schnell. Weiter.

Ausräumen.
Weiter. Weiter.

Später –
das essen,
was heute Vormittag aufgehalten hat.

Denk an die Nahrungsergänzungsmittel!“




39
Film zurück

Einkaufswagen voll.

Besinnung.
Langsamer.
Jede Bewegung bewusst.

Elf Sekunden mehr.
Der Unterschied - spürbar.

Auspacken. Hinstellen. Nehmen.
Schmecken. Langsam.
Der Moment entfaltet sich.

Weniger reicht.
Und hebt länger.

20 X elf Sekunden -
keine drei Minuten -

tragen einen Tag.




Berufung

Arbeit geschieht.
Handgriff für Handgriff.

Nicht für später – sondern jetzt.

Und da ist etwas wie Freude –
ohne Grund.




Weil

Adam, 12, kommt heim.

Etwas Schule.
Etwas Haushalt.
Schildkröte versorgt.

Danach bis abends weg.
BMX-Trick-Videos.

Am Wochenende: Angelscheinkurs.

Geburtstagskarte eines Kumpels:

„Lieber Adam, du bist mein bester Freund.
Und auch der krasseste,

weil du ein Leben hast.“




Sättigend

Widukind war nicht Ehr-geizig.

An ihm war kein Griff für Müssen.
Kein Maßstab von Leistung
als Tauschware für Achtung.

Aber er kochte.
Sehr gerne. Für alle.

Und der Aufwand?
Selbstverständlich.
Wie Luft zu atmen.

Kein Lob nötig.
Keine Belohnung.
Nur Tun.
Freude
am Bewirten.

Sein Nebenjob:
Kellnern im mediterranen Restaurant.




40
Klarheit

Was stimmig ist, bleibt.

Was nicht stimmig ist,
verliert an Gewicht.

Nicht durch Kampf –
sondern durch Sehen.

Eine Ordnung entsteht,
die trägt –
leise,
ohne zu binden.

Freiheit.
Geborgenheit.








Abend

Entspannt liegen.

Der Tag geht.
Nichts wird gehalten.

Was nicht echt war,
verschwindet.

Was bleibt,
ist still.

Und genug.




41
Entlastung

Einfach ist nicht
banal.

Es ist entlastend,
genial.

Ruhe, Dankbarkeit und Freude –

das natürliche Echo
aus der Mitte.

Neu.

Neu geblieben.









42
Der Tag

Sterne.

Der Tag will noch da sein.

"Vielleicht weniger geschafft !?"

"Ja, danke - bin ich."

Ansonsten - mehr erlebt.
Und das bleibt.

Viele Geschenke –
ohne Aufwand.


Ganz normale Dinge.
Sie waren nie weit weg.

Nur überdeckt.

Und jetzt –
wieder da.




rdest du

„Swantje, würdest du, wenn du könntest,
dir diese Familie noch einmal aussuchen?“

„Wieso?
Ohne mich
ist es doch gar nicht die Familie.“








43
Ruhe

Vielleicht gehst du jetzt
wirklich mal spazieren.

Wie Benny.

Einen Stein in der Hosentasche.
Warm. Abgegriffen.

Laufen ohne Ziel.
Ohne Abkürzung.

Du bist.
Du bleibst.

Ruhe.

Und vielleicht
dauert es deswegen etwas länger –

dein Leben.




44
Echos

Echos auf der Bank am Fluss:

Verstellung.
Wesenstreue.
Etwas dazwischen.
Unmittelbar.
Ver-rückt.
Bei sich.
Ein-Bildung.
Wahr-Nehmung.
Darüber nachdenken.
Jetzt hineinfühlen.
Vieles richtig.
Jetzt nicht wichtig.
Kategorien.
Ein-Fach.

Wie?
So.

Atmen.




Letzte Begegnung

Widukinds zweitältester Bruder Andreas, Physiotherapeut,
liest Widukinds Zustand –
enttäuscht.

Er umarmt Widukind.
Um zu trösten.
Doch in Widukinds Armen erliegt er selbst.

Und Widukind?

Lächelt.
Und gibt –
sich.
Vollkommen.

Kein Wort.

Nur Nähe.








Abschied

29. September 2022.

Widukind sieht blass aus.
Wir holen jetzt den Krankenwagen.“

Nein, ich will hier nicht fort.“

Widukind.“
Gemeinsame Tränen.

Später im Krankenhaus:
Wenn du jetzt deinen Körper verlässt –
nicht schlimm.
Komm wieder.
Wir warten.“

Ärzte kommen, schieben ihn zum Aufzug.
Durch den Wartesaal der Notfallambulanz schallt:

"Papa, ich hab dich lieb."




Nachruf

Widukinds Schwester Viola schrieb zum Abschied:

Lieber Widukind,
ich hab noch nie jemanden so lieb gehabt,
wie Dich.

Du hast sogar denen noch einen Gefallen getan,
die Dich am meisten gemobbt haben.
Sieger!

Bis ganz bald,
Viola








Radtour

Erinnerung an Sommer 2022.

Gemeinsam durch die Felder.
Widukind auf dem Fahrrad.

Trotz Abmagerung naturathletisch.
Muss aber seit Tagen geschoben werden.

Die Hand, die ihn anschiebt,
empfängt aus seinem Rücken
die gleiche weiche,
sphärische Präsenz,
die der kleine „Wind“
wie ein Federwesen –
bereits verströmte.

Die Sonne fällt schräg auf die Felder.

Und wieder ist da diese
vertraute Leichtigkeit.

So war er immer.

So ist er immer.

Entspannung?

Gelassenheit?

Oder einfach nur

Frieden.








Nachklang

Morgenrot.

Ein Blatt bewegt sich.
Ein Vogel beginnt.

Licht fließt in den Raum.

Nichts geschieht –
doch alles ist da.

Ein Kind wirft Steine ins Wasser.
Kleine Kreise ziehen in die Welt.
Und niemand fragt, warum.

Äpfel rollen über den Marktplatz.
Burschen schleichen davon.
Der alte Händler lächelt:
„Ich liebe es.“

Ein Fremder.
Ein Blick.
Verbindung.

Wasser rinnt.
Formt den Stein.
Still.

Das Wesentliche ist leise.

Und du
bist der Raum,
in dem das geschieht.

Du bist Jugend – Schönheit.
Alter – segnender Blick.
Blüten – abwechselnd getragen.

Keine Rechtfertigung.
Das Recht ist gefertigt.

Leuchte still.

Was zählt,
wird sichtbar.





Anwesenheit

Anfang Oktober 2022

Eine lange Autofahrt.
Ab nun –
ohne ihn.

Plötzlich –
Anwesenheit.
Auf dem Beifahrersitz.

Die gleiche Stimmung.
Die gleiche Haltung.

Das offene Beobachten des Weges.
Des Augenblicks.

Der Welt.

Ein Moment
mit unirdischem Aroma.

Widukind, kann es sein,
dass du die Welt jetzt
vollkommen anders siehst?“

Was man einmal erspürt hat,
soll man nicht mehr hinterfragen.“


Wie siehst du jetzt aus?“
Besser.“








45
Epilog

Lebenszeichen

Liebe Familie und Freunde daheim in der Sicherheit des Bekannten,
danke für die Warnungen vor Risiken hinter fremden Grenzen.
Sie begleiteten mich, lange. Nun liegen sie bereits hinter mir.
Manches trat ein, vieles nicht – dafür anderes. Beides ließ sich bewältigen.
Was mir begegnete, trägt keinen Namen.
Kein Ausnahmezustand –
Alltag unter anderen Bedingungen.

Der raue Wind hier kennt Zärtlichkeit. Die Sonne verweilt länger auf der Haut und erinnert.
Die Wildheit der Natur ordnet etwas im Inneren.
Unbequemlichkeit ist da, ja. Auch Mangel, doch er ist konkret und wiegt anders,
als das Übervolle, das keine Aufmerksamkeit mehr verlangt.
Spontaneität ersetzt Planung.

Es gibt Quellen. Nicht viele. Aber sie sind rein.
Manches wächst langsam, aber robust.
Ohne Absicherung verändert sich Wahrnehmung. Fehler wirken.
Entscheidungen werden früher und klarer getroffen.
Es öffnet sich ein Raum, der keine Versprechen macht.

Der Geist wird weiter, der Körper findet Maß – trägt die Seele ohne Widerstand.
Belastbarkeit nimmt zu – und die Freude am Unscheinbaren
und an glück-lichen Umständen.
Die Reise bringt hervor, was lange geruht hat.

Die Frage stellt sich von selbst: Was prägt ein Leben mehr –
fordernde Erfahrungen mit offenem Ausgang,
oder das stille Altern in bekannten Strukturen?

Und die Wilden – wir lebten eine Weile zusammen.
Sagt den Kindern: Wild ist, wer nicht weiß, dass er dazugehört.

Solltet ihr nachkommen – werden wir uns andersbegegnen.
Vielleicht staunend.
Vielleicht schweigend.
Ohne Rollen und Erklärungen.

Geht wach. Mehr braucht es nicht.
Mit offenem Blick.
Mut ist nicht laut, sondern der stille Ent-schluss, die Angst gegen Freiheit einzutauschen.
Dem Dunkel ins Gesicht zu schauen, ohne sich ihm zu überlassen.

Worin Ihr die leiseste Wahrheit spürt – dem folgt.

So sich unsere Wege hier kreuzen, gehen wir weiter.
Nebeneinander.
Eine Weile.

Dominique




Inhalt

Grußwort
1 Der schöne Stein
Fühlig
2 Entwicklung
Meisterschaft
3 Alter Drill
Tanz
Copilot
4 Wie es begann
Jaaa!
Das Diktat
5 Heute
Logik
Überwinden
6 Weitergehen
7 Invasion der Gedanken
8 Der blinde Fleck
9 Scheint Richtig
10 Sonnenuntergang
Ein Blick
11 Aber
Die Diskussion
12 Stille erkennen
13 Alles richtig
14 Nullsumme
Haltung
15 Das Dazwischen
16 Wohin
17 Es darf
Perfekt unperfekt
18 Manchmal
Schade
19 Radikalität
Ungelehrt
20 Pommes
Frühstück
Spazierengehen
21 Etwas
22 Nichts erreicht
23 Wann?
24 Die Lehmhütte
Bergplateau
25 Gegenwart
26 Getragen
Begegnung
Kinder
27 Manche Menschen
Nicht so schlimm
28 Eine andere Weise
29 Wahrnehmung
Das letzte Buch
30 Kein neuer Sieg
Benny
31 Agieren
Warten
32 Raum
33 Einfach
Der Gipfel der Einfachheit
Idol
Das Foto
34 Vertrauen
35 Der schöne Stein 2
Haushalt
36 Der Punkt
Schlabberbaby
37 Lächeln
38 Eingekauft
39 Film zurück
Berufung
Weil
Sättigend
40 Klarheit
Abend
41 Entlastung
42 Der Tag
Würdest du
43 Ruhe
44 Echos
Letzte Begegnung
Abschied
Nachruf
Radtour
Nachklang
45 Epilog – Lebenszeichen
Inhaltsangabe
Die Frage




Die Frage

Widukind, kommst du mit
nach Ungarn?
Eine Konzerthalle bauen.
Und eine Stiftung gründen
für erhebende Kreativität.
Mir fehlt nur noch ein Name dafür.“

Seine Augen suchten im Raum
nach Schutz.

Alles aufgeben?

Und zurücklassen
für eine Idee?

Zeit verging.

Aufgeben - Aufgabe.

Später –
ein anderer Blick.

Von einem,
der sich seiner Aufgabe
bewusst gestellt hat.

Nicht nur als Sohn,
sondern als jemand,
der Leitung übernimmt,
zu führen –
wer innerlich bereit ist.

Wohin?

Dorthin,
wo wir alle herkommen:

Zum Wesentlichen.




Nach einer Zeit der Neuorientierung wurde
am 26.3.2024, auf seinem Geburtstag,
die Gründungsurkunde unterzeichnet.

Es kam nur ein Name in Frage:
„Widukind-Stiftung“



Naturfotos: Matthias Krispien
Fotos von Widukind: Familienarchiv
Text: Christoph Michael Pesch

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